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Kino 08.09.2026

225-minütiger Marathon-Film über Elon Musk fragt: Hat der reichste Mann der Welt den Verstand verloren – oder ist es viel schlimmer?

225-minütiger Marathon-Film über Elon Musk fragt: Hat der reichste Mann der Welt den Verstand verloren – oder ist es viel schlimmer?
Dokumentarfilmer Alex Gibney hat für HBO einen fast vierstündigen Film über Elon Musk gedreht, der mit knalligen Mitteln eine dunkle Zukunftsvision zeichnet. Lest hier die Kritik.

In diesem Moment schweben 9807  aktive Starlink-Satelliten durch die erdnahe Umlaufbahn. Das ist mehr als die Hälfte aller Satelliten im Orbit unseres blauen Planeten. Ein Planet, den Dokumentarfilmer Alex Gibney in seinem neuen Marathon-Film über Elon Musk ein paar Mal in die Luft jagt.

Gibney fragt in Musk, was ein einzelner Mensch mit knapp 10.000 Satelliten, einer Armada von Elektroautos, die ihre Umgebung filmen, sowie massivem Einfluss auf die US-Regierung langfristig anfangen wird. Haben wir es nur mit einem exzentrischen Erfinder zu tun, der seit der Coronavirus-Pandemie seinen Verstand verloren hat und in der MAGA-Ideologie versumpft ist? Oder sind schändlichere Motive am Werk? Die Antwort fällt in seiner 225-minütigen Dokumentation (235, wenn man die zehnminütige Pause mitrechnet!) ziemlich eindeutig aus.

Die HBO-Dokumentation zeichnet das Privatleben und die Geschäftspraktiken von Elon Musk nach

Elon Musk stand nicht für Interviews zur Verfügung. Er verurteilte das Projekt bei Twitter  schon 2023 als "hit-piece". Als Ersatz wählt der Regisseur von wegweisenden Dokus wie Taxi zur Hölle und Scientology - Ein Glaubensgefängnis einen KI-generierten, beinahe lebensechten Avatar von Musk. KI-Musk sitzt mit seinem amüsant überdimensionalen Kopf in seiner Kontrollstation und gibt reale Aussagen des SpaceX-Chefs von sich, die Gibneys Team aus Jahrzehnten von Interview-Material zusammengesucht hat.

Erzähler von Musk ist aber nicht Musk, sondern Alex Gibney. Die Doku profitiert von einer klar positionierten Autorenstimme, die eine lange, skurrile und in Teilen erschreckende Geschichte präsentiert. Sie beginnt in den 1990ern bei Zip2, einer frühen Internetfirma von Kimbal Musk und seinem Bruder Elon. Sie führt über PayPal, SpaceX und Tesla bis zur Regierungsbehörde für Effizienz, DOGE. Der Film nimmt dazwischen einen beklemmenden Umweg über die Kindheit in Südafrika, spielt sich aber überwiegend als Chronologie von Musks Werdegang ab. Mit jeder Station rafft der Entrepreneur in der Filmerzählung neue Einflusssphären an sich.

Der Teaser-Trailer für Musk:

Gibney nimmt sich die Geschäftspraktiken von Elon Musk ausführlich vor, der, wenn er nicht gerade selbst aus einer Firma gedrängt wird, Mitarbeitende wie Ballast abwirft. Ein Motiv, das sich in der Darstellung seines Privatlebens wiederholt. Statt eines genialen Erfinders findet Gibney in seinem rigoros recherchierten Porträt einen Mann der großen Worte – wenn nicht gar Lügen –, der vor allem dann erfinderisch wird, wenn er anderen die Kontrolle über ihre Firma entreißt.

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Ein erschreckendes Bild prägt die Elon-Musk-Doku

Musks Genius, so die Argumentationslinie, ist nicht so sehr der Erfolg, sondern die Fähigkeit, Erfolg vorzugaukeln. Das Tesla-Kapitel der Doku ist deshalb besonders erhellend. Als Kernstück und eine Art Wendepunkt der Erzählung stellt sich die Implementierung des "Autopiloten" bei Tesla-Modellen heraus. Das vielkritisierte Fahrerassistenzsystem verspricht laut der Doku schon im Namen mehr, als es leisten kann. Mehrere tödliche Unfälle werden mit dem sogenannten Autopiloten in Verbindung gebracht.

Nach diesem Kapitel sucht ein erschreckendes Video die Geschichte von Elon Musks Aufstieg heim: die Dashcam-Aufnahme eines Teslas, der auf eine T-Kreuzung zurast. Hinter der Straße erkennt man noch kurz die Umrisse einer Frau, die in den Himmel schaut. Dann wird es schwarz.

Die Doku kann nicht umhin, die Leistungen von Musks Weltraumabenteuern mit Staunen zu betrachten, aber der Film zerstört mit Bildern wie diesen auch noch die letzten Reste des Geniekults um Elon Musk. Zusätzlich greift Gibney auf einen beachtlichen Kader von Interview-Partner:innen zurück, der neben Autoren wie Cory Doctorow auch seinem Vater Errol, seiner Ex-Ehefrau Justine sowie Ashley St. Clair, die Mutter eines seiner Kinder, umfasst.

Ashley St. Clair ist eine der interessantesten Stimmen der Doku

Die ehemalige "konservative Influencerin" St. Clair ist eine der faszinierenderen Figuren des Films. In der Doku kommen die Wegbegleiter:innen von Musk angesichts der Materialfülle nämlich zu kurz. St. Clair, die noch vor zwei Jahren Trump unterstützte und transfeindliche Inhalte veröffentlichte, hat sich seit Januar 2026 von Musk und der MAGA-Ideologie distanziert. Sie weigerte sich, eine Verschwiegenheitserklärung bezüglich Musk zu unterzeichnen, und erweist sich im Film als eine der härteren Kritikerinnen des Geschäftsmanns. Überbleibsel der Bewunderung blitzen in ihren Worten durch, werden aber nicht weiter beleuchtet.

Der reichste Mann der Welt ist nicht "verrückt" geworden. Stattdessen argumentiert Alex Gibney in seiner Dokumentation ziemlich schlüssig, dass Musks Hinwendung zur MAGA-Bewegung unter anderem ein Weg war, seine Geschäftspraktiken vor Untersuchungen der Justiz zu schützen. Nicht alle der knalligen Mittel, die Gibney im Film einsetzt, um vier Stunden lang bei Laune zu halten, bereichern seine Erzählung. Aber das gesammelte Material – fast so dicht wie das Netz aus Starlink-Satelliten – gibt Anlass genug, die finstere Vision des Films ernst zu nehmen.

Ich habe Musk bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig gesehen. Einen deutschen Starttermin für die Doku gibt es noch nicht, aber eine Veröffentlichung bei HBO Max ist wahrscheinlich.

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